West-Nil-Virus in Berlin dauerhaft etabliert – Bedeutung für den öffentlichen Gesundheitsschutz
Eine aktuelle Untersuchung von Forschenden der Berliner Charité liefert neue Erkenntnisse zur Verbreitung des West-Nil-Virus (WNV) in Deutschland. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass das Virus inzwischen in Berlin endemisch ist. Damit können Infektionen während der Sommermonate auch ohne Auslandsaufenthalt auftreten. Diese Entwicklung hat unmittelbare Relevanz für den Öffentlichen Gesundheitsdienst und die kommunale Gesundheitsvorsorge.
Hohe Infektionsraten bei heimischen Stechmücken
Für die Studie wurden in den Jahren 2023 und 2024 insgesamt rund 24.000 Stechmücken an verschiedenen Standorten in Berlin gefangen und untersucht. Die Analysen ergaben vergleichsweise hohe Infektionsraten mit dem West-Nil-Virus. Nach Angaben der Forschenden waren im Jahr 2023 zwischen 0,6 und 6 Prozent der untersuchten Mückenpopulationen infiziert, 2024 lagen die Werte zwischen 0,2 und 2 Prozent. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich das Virus lokal vermehrt und nicht lediglich durch Zugvögel oder sporadische Einträge aus anderen Regionen eingeschleppt wird.
Als Hauptüberträger gilt die in Deutschland weit verbreitete Stechmückenart Culex pipiens. Das Virus zirkuliert hauptsächlich zwischen Vögeln und Mücken. Menschen und Pferde können sich durch infizierte Mückenstiche anstecken, spielen jedoch für die weitere Verbreitung des Virus keine wesentliche Rolle.
Überraschende Erkenntnisse aus dem urbanen Raum
Besonders bemerkenswert ist die Verteilung der Virusnachweise innerhalb des Untersuchungsgebietes. Die höchsten Nachweisraten fanden die Forschenden nicht in naturnahen Gebieten mit besonders vielen Stechmücken, sondern in parkähnlichen Wohngebieten, Friedhöfen und kleingartenähnlichen Strukturen. Diese Lebensräume bieten offenbar günstige Bedingungen für das Zusammenspiel zwischen bestimmten Vogelarten und den übertragenden Mückenpopulationen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Risiko einer Viruszirkulation nicht allein von der Anzahl der Mücken abhängt. Vielmehr spielen ökologische Faktoren und die Zusammensetzung der Tierpopulationen eine entscheidende Rolle.
Gesundheitsrisiko mit hoher Dunkelziffer
Nach Einschätzung der Forschenden dürfte die tatsächliche Zahl der Infektionen deutlich höher liegen als die offiziell gemeldeten Fälle. Viele Infektionen verlaufen unbemerkt. Etwa 80 Prozent der Infizierten zeigen keine Symptome. Rund 20 Prozent entwickeln grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Schwere neurologische Verläufe mit Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen treten selten auf, betreffen jedoch vor allem ältere Menschen sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen in Berlin um ein Vielfaches höher sein könnte als die bislang erfassten Erkrankungsfälle.
Bedeutung für Hygienekontrolleure
Für Hygienekontrolleure ergeben sich aus den Studienergebnissen mehrere Handlungsfelder. Neben der Unterstützung kommunaler Mückenmonitoring-Programme gewinnt die Aufklärung der Bevölkerung über vorbeugende Maßnahmen weiter an Bedeutung. Hierzu gehören insbesondere:
- Vermeidung von Brutstätten durch regelmäßiges Entleeren von Wasseransammlungen
- Sicheres Abdecken von Regentonnen und Wasserbehältern
- Sensibilisierung der Bevölkerung für persönlichen Mückenschutz
- Unterstützung kommunaler Präventions- und Überwachungsmaßnahmen
- Beobachtung möglicher Veränderungen bei vektorübertragenen Erkrankungen im Rahmen des Klimawandels
Die Studie unterstreicht, dass sich vektorübertragene Infektionskrankheiten zunehmend als Bestandteil des gesundheitlichen Risikoprofils in Deutschland etablieren. Hygienekontrolleure nehmen dabei eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen Gesundheitsämtern, Kommunen und Bevölkerung ein.
Die Berliner Untersuchung zeigt deutlich, dass das West-Nil-Virus nicht mehr als importiertes Einzelphänomen betrachtet werden kann. Vielmehr hat sich der Erreger in geeigneten Regionen Deutschlands etabliert. Für den öffentlichen Gesundheitsschutz bedeutet dies, bestehende Überwachungs- und Präventionsstrategien weiterzuentwickeln und den Auswirkungen klimabedingter Veränderungen auf die Verbreitung von Krankheitserregern verstärkt Rechnung zu tragen.
Quellen: Charité – Universitätsmedizin Berlin; Robert Koch-Institut; aktuelle Berichterstattung zur Charité-Studie vom 12. Juni 2026. Junglen S. et al. (2026): Fine-scale heterogeneity and local amplification of West Nile virus in an urban ecosystem with endemic transmission. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-73251-5
Foto: KI-generiert
Karte und Diagramm: Robert Koch-Institut: SurvStat@RKI 2.0, https://survstat.rki.de, Abfragedatum: 12.06.2026
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